4-14 Mme Barry

Jeanne Bécu de Cantigny
Mademoiselle de Vaubernier
Comtesse du Barry

(19.08.1743 - 08.12.1793)

 
Madame du Barry (1769, Detail, Francois Hubert Drouais)



 


Marie-Jeanne Bécu de Cantigny stammte aus ärmlichen Verhältnissen. Sie wurde am 19.08.1743 in Vaucouleurs als uneheliche Tochter eines Mönches und einer Näherin geboren.

Jeannes Mutter, Anne Bécu, Demoiselle de Cantigny, hatte im Kloster Picpus in Paris den gutaussehenden Franziskanermönch, Jean Jacques Baptiste Gromard von Vaubernier, genannt Frère Ange, kennengelernt. Anne war aus beruflichen Zwecken im Kloster tätig und nähte dort Betttücher. Aus ihrer Liäson mit dem Mönch stammte die kleine Jeanne.
Des klangvolleren Namens wegen nannte sich Jeanne später Mademoiselle Lange und schließlich Mademoiselle Vaubernier. Auch wählte sie als Vorname entweder Anne, Jeanne oder Jeannette.

Jeannes Mutter Anne, die als Schönheit galt, hatte als Alleinerziehende eines obendrein unehelichen Kindes nicht gerade den besten Ruf und so verzichtete sie auf das Leben auf dem Lande und zog mit ihrer Tochter ins freizügigere Paris, als Jeanne gerade vier Jahre alt war.
In Paris fand Anne in Monsieur Billard-Dumonceaux, einem Armeelieferanten, einen Liebhaber und Beschützer, der sich dem Unterhalt der Mutter samt Tochter annahm. Jeanne lebte von nun an mit ihrer Mutter im Haushalt von Monsieur Billard-Dumonceaux und dessen italienischer Mätresse Francesca, auch Madame Frédérique genannt.
Man kann sich vorstellen, dass das freizügige Leben in diesem Haushalt nicht in jeder Hinsicht für ein kleines Kind geeignet war.

Billard-Dumonceaux verheiratete Anne 1749 mit seinem Angestellten Nicolas Rançon de Montrabé. Dieser wurde, um Anne und ihren Geliebten nicht zu stören, nach der Hochzeit zum Lagerverwalter auf Korsika ernannt.
Für Jeanne erreichte der väterliche Gönner die Erziehung und Ausbildung im Kloster Sainte-Aure, wo sich das Mädchen bis zu seinem 15. Lebensjahr im Jahre 1758 aufhielt. Die junge Dame lebte sich gut im Kloster ein und freundete sich dort u.a. mit den Mädchen Brigitte Rubert und Généviève Mathon, in deren Bruder Nicolas Mathon sie sich wenig später ehrlich verliebte, an.

Nach ihrem Klosteraufenthalt fand Jeanne im Pariser Modehaus "La Toilette" bei Monsieur Claude-Edme Labille und dessen Gemahlin Marie-Anne, einer Putzmacherin, eine Anstellung. Hier lebte sie nach der strengen Klostererziehung endlich ein unbeschwertes Leben in den Tag hinein.
Während ihrer Zeit bei der Familie Labille freundete sich Jeanne mit der Tochter des Hauses, Adélaïde Labille, an, die hin und wieder im Modehaus ihrer Eltern aushalf und später unter dem Namen Adélaïde Labille-Guiard als Malerin berühmt wurde.

Um 1761 kam Jeanne zum ersten Mal mit der High Society von Paris in Kontakt, als sie die Stelle einer Gesellschafterin bei Madame de La Garde, der Witwe eines Steuerpächters antrat. Deren beiden Söhnen verdrehte Jeanne den Kopf, aber auch den Gästen des Hauses blieb die junge Schönheit der neuen Angestellten nicht verborgen und Jeanne schenkte manch einem allzu bereitwillig ihre Gunst.
In Gesellschaft der hohen Leute verfeinerte Jeanne ihre Art, ihre Sprache und nahm die Gebräuche des Adels an.
Während ihrer Zeit bei Madame de La Garde begegnete Jeanne wohl auch zum ersten Mal dem Herzog von Richelieu, der sie später bei Hofe unterstützte.
Hierzu gibt es jedoch widersprüchliche Aussagen, denn die gängigen Biografien versetzen das erste Aufeinandertreffen zwischen Jeanne und Richelieu in die Zeit, als sie bereits beim Grafen Jean du Barry wohnte, während die Memoiren der Gräfin ("Die geheimen Papiere der Gräfin Dubarry") von der ersten Variante sprechen.

Madame de La Garde war Jeannes Liebschaften in ihrem Hause jedenfalls bald überdrüssig; sie setzte die kleine Schönheit vor die Türe.

Jeanne Bécu war blond und unglaublich schön und fiel so mit 18 Jahren dem Comte Jean-Baptiste du Barry, genannt Le Roué, auf. Der Graf machte Jeanne zu seiner maîtresse-de-luxe und gab ihr Namen wie Mademoiselle Lange und Mademoiselle de Vaubernier.
Er sah in ihr seine Chance, Einfluss am Hofe zu erlangen, daher lobte er ihre Künste bei Hofe in den höchsten Töne, bis 
König Louis XV davon erfuhr und ihn bat, ihm Jeanne vorzustellen.
Der Comte du Barry plante nun, Jeanne zur Mätresse des Königs zu machen und arrangierte 1768 ein Treffen zwischen den beiden.
Der König verliebte sich augenblicklich in die schöne Dame und bestand darauf, Jeanne zu verheiraten, damit sie hoffähig wird.
Gesagt, getan, der Comte du Barry fälschte unverzüglich Jeannes Geburtsurkunde und verheiratete sie am 01.09.1768 mit seinem Bruder, 
Guillaume du Barry.
Aus Jeanne Bécu wurde die Comtesse du Barry und bereits im April 1769 wurde die junge Frau am Königlichen Hof offiziell vorgestellt.

Der alternde König verfiel ihrem Charme und ihrer Jugendlichkeit, legte ihr die Welt zu Füßen und überschüttete sie mit Reichtum.
Wenn auch nicht politisch, war doch ihr sonstiger Einfluss auf den König bald so groß, dass sie bei den Hochzeitsfeierlichkeiten des 
Dauphins Louis-Auguste und Marie Antoinette - gegen den Widerstand des Hofes - an der Seite des Königs teilnehmen konnte.
Zudem wurde Jeanne die große Ehre zuteil, die Hochzeit des
Comte de Provence mit der Princesse de Savoie zu organisieren.

Politisch hatte Madame du Barry, wie gesagt, nur wenig Einfluss. Bekannt war z.B. die Verbannung des französischen Botschafters Étienne-François, Comte de Stainville, Duc de Choiseul (1719-1785), aus seinem Amt - ein Stich gegen die Dauphine, die Choiseul (zumal er ihre Ehe arrangierte) vertraute und mochte. Marie Antoinette ließ diesen später, nachdem sie Königin wurde, wieder in seinem alten Amt einsetzen.

 Mme du Barry 
links: Mme du Barry (1770, Francois-Hubert Drouais)
rechts: Porträt der Comtesse von einem unbekannten Künstler

Als der König Ende April 1774 an den Pocken erkrankte und im Sterben lag, verbannte er seine geliebte Comtesse du Barry schließlich vom Hofe in die Abtei Pont-aux-Dames. Dies geschah auf Anraten seines Beichvaters; nur so könne sich der König den Weg in den Himmel sichern.
Louis XV starb am 10. Mai 1774; ihm folgten sein Enkel Louis XVI und dessen Gattin Marie Antoinette auf den Thron.

Erst im Oktober 1776 kehrte die Gräfin - auf das Einverständnis von Louis XVI und Marie Antoinette hin - wieder in ihr Schloss Louveciennes nahe Versailles zurück. Dort führte sie ein ruhiges Leben und machte sie es sich zur Aufgabe, sich um in Armut lebende Menschen zu kümmern, spendete Essen und das sonst Nötigste.
Verschwenderisch lebte sie dennoch weiter.


Die Französische Revolution


Eine bedeutende Rolle im weiteren Leben der Gräfin spielte deren bengalischer Page Zamor.
Dieser kam im Auftrag des Königs als Kind in die Dienste von Madame du Barry. Jeanne vergötterte ihren Mohren. Sie stopfte ihn mit Süßigkeiten voll, kleidete ihn in extravaganten Kostümen aus Samt und Seide und schmückte ihn mit Federn und Diamanten. Sie ging sogar soweit, ihn taufen zu lassen - mit sich und dem Comte de la Marche, einem Prinzen von Geblüt, als Taufpaten.

Es kursierten die wildesten Gerüchte um Zamor bzw. seine Herrin und den König. Unter anderem habe man angeblich junge blonde Bauernmädchen ins Schlösschen von Louveciennes bringen lassen, die sich in Gegenwart von Louis XV und Madame du Barry in Origien dem Mohren hingaben.
Um seine Mätresse zu amüsieren, bedachte der König Zamor mit einer Rente und verlieh ihm den Titel Gouverneur von Louveciennes.

Ob diese Gerüchte stimmen, ist unbekannt.
Man kann jedoch davon ausgehen, dass Zamor in der Obhut der Gräfin ein gutes, zumindest gesichertes Leben hatte. Umso unverständlicher ist es, welchen Undank dieser seiner Herrin wenig später entgegenbrachte.

Nachdem Jeanne 1776 aus ihrem Exil im Pont-aux-Dames-Konvent nach Louveciennes zurückkehren durfte, hatte sich aus dem niedlichen Mohren ein garstiger, unangenehmer junger Mann entwickelt. Allen Warnungen ihrer Berater und Anwälte zum Trotz, brachte es Jeanne nicht übers Herz, ihren Zamor aus dem Dienst zu entlassen - der wahrscheinlich größte Fehler ihres Lebens...

In den kommenden Jahre und nach dem Ausbruch der Französischen Revolution 1789, verbrachte der aufrührerische Zamor immer mehr Zeit in den Cafés des Palais Royal in Paris und später im Republikanischen Club von Louveciennes.
Hier sog er das brodelnde revolutionäre Gedankengut auf und machte 
Bekanntschaften mit Spionen der übelsten Sorte.
Zum Nachteil für Madame du Barry lernte Zamor im Republikanischen Club den Engländer George Grieve (1748-1809) kennen. Dieser würde wenige Jahre später Jeannes Schicksal besiegeln.

Beim Juwelenraub im Schloss Louveciennes in der Nacht vom 10. auf den 11. Januar 1791 vermuten Historiker den Pagen Zamor als Informanten der Diebe.
Jeanne befand sich zu diesem Zeitpunkt bei einer Feier in Paris, als ihre berühmten Juwelen aus dem Schloss gestohlen wurden.

Für George Grieve wuchs inzwischen das Interesse an Zamor. Grieve hatte es sich zum Ziel gemacht, die letzte große Mätresse des Ancien Regime dem Henker auszuliefern. Der genaue Grund für seinen Hass auf Jeanne ist nicht bekannt. Er verabscheute Prostituierte und hatte offenbar deshalb die Gräfin als prominentes Opfer auserkoren.
Jeanne, die Grieve noch nie im Leben gesehen hatte, ahnte nichts von der Gefahr, in der sie sich bereits befand.
Grieve nutze den Pagen der Gräfin, um diese auszuspionieren und monatelang überwachen zu lassen. So unterstützte er Zamor u.a. in dessen revolutionären Ambitionen, ermunterte ihn, Rousseau zu lesen, und stiftete ihn an, Briefe aus Jeannes Schreibtisch zu entwenden. So kam es wohl auch, dass die Revolutionäre über diverse royalistische Aktivitäten der Gräfin informiert waren:

Nach dem Marsch der Pariser Frauen nach Versailles z.B., versorgte Jeanne in ihrem Schloss die verwundeten königlichen Soldaten und erhielt hiefür kurze Zeit später sogar einen Dankesbrief von der in den Tuilerien gefangengehaltenen Königin Marie Antoinette, die einst ihre Widersacherin bei Hofe war.

Als ehemalige Mätresse von König Louis XV, aber auch aufgrund der beharrlichen Spionage durch George Grieve, geriet Jeanne immer mehr ins Visier der Revolutionäre.
Nachdem die Gräfin bemerkte, dass Zamor ihre Briefe stahl, setzte sie ihn endlich vor die Tür. Das Timing hierfür war denkbar schlecht; Frankreich befand sich mitten in der Zeit der Schreckensherrschaft, in der der bloße Verdacht auf "aristokratische Neigungen" das Todesurteil bedeutete. Und Zamor lieferte Grieve zu Jeannes Lasten genug Beweise hierfür.

Zu ihrer eigenen Sicherheit floh die Comtesse im Winter 1792 aus Frankreich ins sichere England.

Während ihrer Abwesenheit bezog Grieve in einem Gasthaus in Louveciennes Quartier. Neben Zamor hatte er zwischenzeitlich einen weiteren Bediensteten aus dem Haushalt der Gräfin auf seine Seite gezogen und hielt Clubtreffen in ihrem Schlösschen ab. Auch erreichte er, dass Jeannes Papiere und Wertsachen beschlagnahmt wurden.

Während ihres Aufenthaltes in London erfuhr Jeanne schließlich Anfang 1793 von der Hinrichtung des Königs. Sie trug Trauer und litt erheblich unter den sogar in London spionierenden Revolutionären.
Zudem sorgte sie sich um ihren Besitz in Frankreich. Da die 1791 gestohlenen Juwelengeschenke von Louis XV ihr Ein und Alles darstellten, ließ sie in ganz Europa danach suchen.

Die Situation in Frankreich offenbar als ungefährlich ansehend, kehrte Jeanne im März 1793 nach Paris zurück. Grieve nutzte diese Gelegenheit und erstellte für den Konvent eine Liste von "Verdächtigen", an deren erster Stelle Madame du Barry stand.
Am 1. Juli wurde Grieve vom Konvent authorisiert, die Gräfin festzunehmen.
D
ank einer Petition der Dorfbewohner von Louveciennes wurde Jeanne jedoch wieder freigelassen.

Um die Bevölkerung gegen Madame du Barry aufzubringen, veröffentlichte Grieve daher am 31. Juli das bösartige Pamphlet "L'égalité controuvée on petite histoire... de la Du Barry".
Am 22. September erhielt er erneut den Auftrag, Jeanne zu verhaften. Bei ihrer Überführung nach Paris, begleitete Grieve die Gräfin ein Stück des Weges. Hier soll er die Situation genutzt haben, um Jeanne in der Kutsche zu vergewaltigen.

Erneut rettete eine Petition der Dorfbewohner Jeanne vor dem Henker und sicherte ihre Freilassung.
Doch am 19. November 1793 wurde sie entgültig festgenommen und wie alle Königsanhänger angeklagt und vor dem Revolutionstribunal als Feindin der Republik zum Tode verurteilt.
Bei ihrem Prozess vor dem Tribunal am 6. Dezember 1793 traten sowohl ihr ehemaliger Page Zamor, als auch George Grieve als belastende Zeugen gegen sie auf. Zamor sagte u.a. aus, er habe versucht, seine Herrin vor ihrem falschen, aristokratischen Verhalten zu warnen. Sie sei jedoch derart dickköpfig gewesen und habe nicht von ihrem teuflischen Weg abweichen wollen. Der einst von Jeanne aufgezogene kleine Sklave lieferte nun seine großzügige Gönnerin den Henkern ans Messer.

Um ihr Leben zu retten, verriet die Gräfin vergeblich die Verstecke ihrer Reichtümer. Sie gewann jedoch nur wenige Stunden.
George Grieve selbst beaufsichtigte höchstpersönlich die Suche nach Jeannes versteckten Reichtümern, die man schließlich auf dem Schlossgut in einem Misthaufen fand.

Jeanne du Barry wurde am 8. Dezember 1793 hingerichtet.
Die Hinrichtung verlief ungewöhnlich demütigend. Die Comtesse wurde weinend und schreiend zur Guillotine geschleppt. Sie wandte sich verzweifelt an die Menschenmassen und flehte um ihre Leben. Dies war so aufwühlend, dass unter den Zuschauern Unruhe aufkam. Die Henker befürchteten Tumulte und sorgten letztendlich dafür, dass die Hinrichtung gewaltsam beschleunigt wurde.
Die Comtesse wehrte sich verzweifelt und bot an, ihr Leben zurückzukaufen. Vergeblich...

Ihre letzten Worte waren angeblich:

"De grâce, monsieur le bourreau, encore un petit moment!"
(dt.: "Gnade, Herr Scharfrichter, noch einen kleinen Moment!").

Dann fiel das Beil...


Ihr verräterischer Page Zamor war in der darauffolgenden Zeit selbst nicht vor Verdächtigungen geschützt und verbrachte einige Zeit im Gefängnis.
Nach seiner Entlassung verschwand er eine Weile und tauchte erst 1815 wieder in Paris als verbitterter alter Mann auf.



Weitere Infos zu Jeanne du Barry:


          


 

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