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Louis XVI

Kapitel 1:
Unbeschwerte Kindheit



Im Jahre 1754 erwartete die Thronfolgerin Marie-Josèphe de Saxe ihr viertes (lebend geborenes) Kind.
Die bevorstehende Geburt eines Königskindes erregte kaum Aufsehen, denn die Thronfolge war mehr als gesichert: Der regierende König 
Louis XV erfreute sich im Alter von 44 Jahren bester Gesundheit und würde noch weitere 20 Jahre herrschen. Dessen Sohn, Louis Ferdinand, und der erstgeborene Enkel, Louis Joseph Xavier François, waren die nächsten in der Thronfolge.
Es bestand demnach kein Grund zur Sorge um das Erbe der Bourbonen.

Im Hochsommer 1754 gab es für den König und seinen Hof besseres zu tun, als der erneuten Niederkunft der Dauphine entgegen zu sehen. Man ging der Versailler Hitze also aus dem Weg und zog sich ins frische Choisy zurück.
Nur die Dauphine und ihr Gatte sowie einige Personen von hohem Rang mussten in Versailles verbleiben. Wenngleich die bevorstehende Geburt des Königskindes in diesen Zeiten kein großes Ereignis war, entsprach es der Etikette, das kein Kind Frankreichs seinen ersten Atemzug vollzog, ohne, dass Frankreich diesem beiwohnt. Denn immerhin könnte das Neugeborene ein Junge sein und sich in die Thronfolge einreihen - ausgeschlossen, dass ein möglicher Thronfolger sein Leben ohne Zeugen beginnt...

Und so holte man am frühen Morgen des 23. August 1754 schleunigst die in Versailles verfügbaren Hochrangigen aus ihrem Schlaf, um gegen 6:24 Uhr in den Gemächern der Dauphine den neuen Enkel Frankreichs zu begrüßen: Louis Auguste de Bourbon.

König Louis XV wurde in Choisy von einem Boten über die Geburt des Enkels informiert und empfing das neue Mitglied der Königsfamilie am Folgetag.

Noch im August fand in der Kirche Notre-Dame in Paris durch Sylvain-Léonard de Chabannes (1718-1812) eine Art Nottaufe des Prinzen auf den Namen Louis-Auguste statt. Der kleine Prinz wurde nach seinen beiden Großvätern, Louis XV von Frankreich und August III. von Polen, benannt und erhielt während der Zeremonie zudem den Titel eines Duc de Berry.
In der Thronfolge stand er an dritter Stelle - wohl auch ein Grund dafür, dass das vom König ihm zu Ehren am 24. August veranstaltete Feuerwerk im Marmorhof recht bescheiden ausfiel.

Die eigentliche Taufe erfolgte erst im Jahr 1761.

Madame Mallard übernamm als Amme die Pflege und Ernährung des königlichen Säuglings; die Erziehung der Kinder Frankreichs oblag bis zu deren 6. Lebensjahr der Gouvernante Marie Louise de Rohan, Comtesse de Marsan.

Louis Auguste war zu Beginn ein gesundes Kind. Seine anfänglich gute Gesundheit wich jedoch schnell einer labilen Gesundheit. Und so kam es, dass er erst spät - mit 18 Monaten - gefahrlos abgestillt und in die Obhut der Gouvernante gegeben werden konnte.
Der königliche Leibarzt Théodore Tronchin veranlasste zur Stärkung der Gesundheit des Jungen den Umzug des Prinzen ins Château Bellevue, bei Meudon, da die Luft dort weit klarer als in Versailles war. Hier verbrachte Louis-Auguste also die Zeit vom 17.05. bis 27.09.1756. Zwar fehlte ihm hier der enge Kontakt zur Famile, das Leben im Grünen brachte seiner Gesundheit jedoch eine enorme Stärke.
Bis auf seine starke Kurzsichtigkeit plagten den Jungen fortan kaum Gebrechen, als er schließlich in den Kreis der Familie zurückkehrte.

 
Louis Auguste und sein nächstjüngerer Bruder, der
Comte de Provence (1757, François Hubert Drouais)

Bis September 1760 verlebte Louis Auguste seine Kindheit ausschließlich im Kreise seiner Familie und Erzieher. Die Geschwisterschar hatte sich zwischenzeitlich um einiges vergrößert: 1755 und 1757 kamen zwei Brüder, der Comte de Provence und der Comte de Artois, zur Welt und im Jahre 1759 folgte das Schwesterchen Marie Clotilde. Fünf Jahre später würde die kleine Elisabeth die Kinderschar vervollständigen.

Die Kindheit endete in der Königsfamilie grundsätzlich mit der Vollendung des 6. Lebensjahres. Die Zeit bis dahin war sicher eine glückliche für Louis Auguste.
Er durfte Kind sein und musste sich nicht - wie sein älterer Bruder - um die zukünftige Aufgabe als Thronfolger kümmern.
Zu seinen Bezugspersonen gehörten neben den Eltern und der Gouvernante, auch die Großeltern, das Königspaar, sowie der Vater der Königin, Stanislas von Polen, und die vier unverheirateten Töchter des Königs und Tanten Louis Augustes: die Mesdames 
AdélaïdeVictoireSophie und Louise.
Die Tanten und der König selbst unterhielten enge Beziehungen zu Louis Auguste und dessen Geschwistern: man aß regelmäßig beim Großvater, unternahm Reitausflüge mit ihnen, und hielt sich gern in den Gemächern der Tanten auf.

Diese sorglose Kindheit endete für Louis Auguste also mit dem Vollenden des 6. Lebensjahres, am 23. August 1760. Nun galt der Junge als Erwachsener; dieser bedeutende Tag wurde gewohnheitsgemäß mit einem Feuerwerk begangen.
Am 08.09.1760 folgte die tränenreiche Trennung von der geliebten Gouvernante.

Die Zeremonie der Taufe, die gleichzeitig das Ende der Kindheit und den Beginn des Erwachsenenalters einläutete, erfolgte - reichlich verspätet - am 18.10.1761 in der Königlichen Schlosskapelle von Versailles durch den Erzbischoff Charles Antoine de La Roche-Aymon und in Anwesenheit von Jean-François Allart, dem Pfarrer der Kirche Notre-Dame de Versailles.
Die Patenschaft übernahmen die Tante Adélaïde sowie der Großvater mütterlicherseits, König August III. von Polen. Da der polnische König der Taufe jedoch nicht persönlich beiwohnen konnte, nahm der Duc d'Orléans stellvertretend in dessen Namen die Patenschaft an.

Als "Erwachsener" zog Louis Auguste nun mit seinem älteren Bruder, dem Duc de Bourgogne, in einen eigenen Hausstand um. Später stießen auch die beiden Nachgeborenen, der Comte de Provence und der Comte d'Artois, dazu.
Als Gesellschafter der Prinzen dienten die Sprösslinge der nobelsten Adelshäuser Frankreichs: der Vicomte de Boisgelin, der Comte de Lynes, der Comte Montaut, der Chevalier d'Angeville, der Marquis de Marbeuf sowie der Marquis de Montesquion.

Die Erziehung der Kinder Frankreichs oblag hingegen weniger erlesenen Personen. Hier zählten eher gute Beziehungen zum König und zum Dauphin, dem Vater der Prinzen, aber auch bedeutende Spezialkenntnisse und Verstand.
Ab 1758 kümmerte sich der Duc de La Vauguyon um die Erziehung Louis Augustes sowie um die Organisation des Lehrplans.
Für die philologischen und geisteswissenschaftlichen Kenntnisse des Prinzen sorgte der ehemalige Bischof von Limoges, Monseigneur de Coëtlosquet.
Als Sprach- und Grammatiklehrer diente der Abt de Radonvillliers.
Mathematik unterrichtete der berühmte Monsieur LeBlond; Physik lehrte der europaweit bekannte Abt Nollet, Geopraphie Philippe Buache und Geschichte der Historiker Jacob Nicolas Moreau.
Für das Schulfach der internationalen Beziehungspflege und Diplomatie gewann man den im Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten tätigen Abt de La Ville.

 
Louis Auguste (1765, Maurice Quentin de La Tour)

Unter den strengen Augen der Eltern erfuhren Louis Auguste und seine Geschwister eine religiöse Erziehung, die nachhaltig durch die jesuitische Orientierung der Eltern geprägt war. Der Vater achtete besessen darauf, dass der Lehrplan eingehalten wurde und die Söhne keinerlei Ablenkung erfuhren:

"Das oberflächliche Wesen, das man auf diesem Weg daran gewöhnt,
aus seinen Studien bloße Spielerei zu machen, wird später bei der Erledigung
all' seiner Geschäfte die gleiche Leichtfertigkeit an den Tag legen."

An jedem Dienstag und jedem Samstag erfolgte die Kontrolle des erlernten Wissens der Jungen durch den Vater in den Räumen der Dauphine. Hier wurde belohnt und gestraft, wobei als Strafe nicht die körperliche Züchtigung diente, sondern der Ausschluss von Freizeitvergnügungen.

Das gemeinschaftliche Leben im Haushalt des älteren Bruders währte für Louis Auguste nicht lange. 1761 verstarb der Duc de Bourgogne nach langer und schlimmer Krankheit. Die Zeit während der Krankheit des Bruders war für ihn sicherlich eine prägende und schwere, da er dem Kranken, der im Rang über ihm stand, beizustehen hatte und dessen Schikanen aushalten musste.
Am 22.03.1761 erlag der Duc de Bourgogne seiner Krankheit und Louis Auguste, der Kinderstube bereits seit September 1760 entwachsen, stand nun an zweiter Stelle in der Thronfolge.


     

 

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